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Kapitel 12: Ein fremdes Schiff legt an

Tinker Bell flatterte weit voraus, während Peter und James sich im Dunkeln den Berghang hochkämpften. James, müde von seinem schrecklichen Erlebnis mit den Piraten, blieb alle zwanzig Schritte stehen. Es ging langsam voran – quälend langsam für Peter, der fand, er müsse bei James bleiben, sich aber viel lieber in die Lüfte erhoben hätte und über den Berg in das molluskische Dorf geflogen wäre.
Sie haben Glänzende Perle, hatte Kämpfende Krabbe gesagt. Wer sie wohl waren? Ein paar von Hooks Männern? Eher unwahrscheinlich. Die Piraten wussten, dass es keine gute Idee war, die Mollusker, die ihnen zahlenmäßig überlegen waren und ihre Anwesenheit auf der Insel kaum tolerierten, zu erzürnen.
Aber wenn es keine Piraten waren, wer dann? Fremde auf der Insel? Schiffbrüchige Seeleute? Wieso würden die aber die älteste Tochter von Kämpfende Krabbe entführen? Und, was Peter am meisten quälte: Wäre das alles überhaupt möglich gewesen, wenn Kämpfende Krabbe nicht gerade seinen Freund aus der misslichen Lage hätte befreien müssen, in die Peter ihn gebracht hatte?
Wenn ich doch nur ins Dorf fliegen könnte, dachte Peter. Dann könnte ich Kämpfende Krabbe vielleicht helfen.
Aber er durfte James nicht nachts im Dschungel allein lassen. Nicht nach allem, was er schon durchgemacht hatte. Was, wenn James sich verlief? Was, wenn Hooks Leute unterwegs waren, um sich zu rächen?
Es sei denn ...
„Tink!“, rief Peter. „Komm zurück! Ich brauche deine Hilfe!“
Tinker Bell, die immer noch wütend war, weil die Lehrerin mit Peter geflirtet hatte, gab ein paar unglückliche, dunkel klingende Laute von sich, die frei übersetzt ungefähr Folgendes bedeuteten: „Wenn du Hilfe brauchst, frag doch deine Freundin, den dicken, fetten Barsch!“
„Tink!“, sagte Peter streng. „Ich meine es ernst!“
Tinker Bell verschränkte theatralisch die Arme, um den Jungen zu zeigen, wie sehr sie sich ärgerte, und flatterte schmollend zu ihnen zurück.
„Hör zu“, sagte Peter, „ich finde, ich sollte zum Dorf der Mollusker fliegen und versuchen, Kämpfende Krabbe zu helfen.“
James lächelte matt. „Geh nur, Peter“, sagte er. „Ich komm schon zurecht.“
Peter umklammerte den Arm seines Freundes. Guter alter James.
„Tink“, sagte Peter. „Du bleibst bei James und passt auf, dass er zur Hütte zurückfindet. In Ordnung?“
Mit einem Schwall hellen Glöckchengeklingels erklärte Tink, dass sie sehr gerne bei James bliebe, da sie nämlich nicht die Absicht habe, auch nur eine Sekunde länger mit Peter zu verbringen. Und sie hoffe, dass er und seine Freundin, der fette Barsch, so lange glücklich miteinander wären, bis irgendwann ein Krake käme und sie beide auffressen würde.
„Was hat sie gesagt?“, fragte James.
„Sie hat gesagt ... sie bringt dich gern zurück“, antwortete Peter. „Sag den anderen, sie sollen in der Nähe der Hütte bleiben und nicht ins molluskische Dorf gehen. In Ordnung?“
„In Ordnung“, sagte James. „Aber pass gut auf dich auf, Peter.“
„Du auch“, sagte Peter, drückte noch einmal aufmunternd  James’ Arm, sprang in die Luft und schoss in den Nachthimmel hinauf. Peter neigte seinen Körper so, dass er parallel zum Berghang flog, steuerte auf den Gipfel zu und erreichte ihn nach wenigen Sekunden. Von diesem Punkt aus konnte er die ganze Insel überblicken. Das saftige Grün des Dschungels hatte sich im Mondlicht in ein dunkles, geisterhaftes Grau verwandelt. Peter drehte sich einmal um sich selbst und schaute in jede Richtung. Als er seinen Blick nach Osten wandte, blieb ihm die Luft weg. Vier dünne Finger ragten durch den Nebel, der sich wie eine Decke über die Bucht gelegt hatte. Masten.
Ein Schiff. Ein großes Schiff.
Peter verlagerte sein Gewicht nach vorn und bog seinen Körper steil nach unten. Der Wind rauschte in seinen Ohren, als er den Berghang hinunterbrauste. Er flog in einem waghalsigen Manöver, ohne zu überlegen und schneller als je zuvor. Einmal musste er hart ausscheren, um etwas Großem auszuweichen, das plötzlich aus dem Dschungel geflogen kam, einem Vogel vielleicht oder einer Fledermaus. Im Nu hatte er den Fuß des Berges erreicht, bremste, fing sich ab und glitt über die Baumwipfel hinweg, wobei er den Dschungel nach der breiten Lichtung mit dem molluskischen Dorf absuchte.
Da! Direkt vor ihm ... Peter verlangsamte seine Geschwindigkeit noch mehr und erreichte den Rand der Lichtung. Er flog in die Baumkronen und ließ sich auf einem kräftigen Ast nieder, wo ihn das Laub verbarg.
Durch die riesigen Blätter beobachtete er, wie sich Leute vor der großen Hütte von Kämpfende Krabbe versammelten. Leise ließ er sich von Baum zu Baum gleiten, bis er sehen konnte, dass die Menschenansammlung aus zwei Gruppen bestand. Auf der einen Seite standen molluskische Krieger mit Speeren und Schilden und blickten grimmig auf die andere – kleinere – Gruppe, Männer, die Peter nicht kannte. Die Fremden hatten Säbel und Pistolen. Einer von ihnen hielt Glänzende Perle umfasst, ein Messer an ihrem Hals. Peter sah sich den Mann mit dem Messer genauer an. Er konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber irgendwie kam es ihm bekannt vor ...
Bevor Peter weiter darüber nachdenken konnte, hörte er laute Geräusche aus dem Dschungel unter ihm. Kämpfende Krabbe – sein Körper schweißnass von dem mörderischen Lauf über den Berg – sprang auf die Lichtung. Die Fremden drehten sich nach ihm um.
Peter schob ein riesiges Blatt zur Seite, damit er sehen konnte, was als Nächstes geschah.

Eine unheimliche Begegnung

Mit den langen, kraftvollen Schritten eines Häuptlings, der noch jeden jungen Krieger weit hinter sich lassen konnte, rannte Kämpfende Krabbe auf die sich feindselig gegenüberstehenden Mollusker und Seemänner zu. Er hob den Speer und holte aus, die geschliffene Spitze direkt auf Slank gerichtet. Als er jedoch das Messer am Hals seiner Tochter sah, blieb er wie angewurzelt stehen. Langsam senkte er den Speer. Seine schwarzen Augen funkelten vor Zorn.
Auf der Lichtung wurde es totenstill. Keiner rührte sich. Kämpfende Krabbe schaute erst Slank, dann die anderen Fremden, prüfend an. Sein Blick verharrte auf Nerezzas furchterregendem Gesicht und noch länger auf der düsteren, verhüllten Gestalt von Ombra. Sekunden verstrichen, eine halbe Minute verging, und noch immer regte sich keiner.
Als Kämpfende Krabbe endlich sprach, wandte er sich an Slank.
„Lassen Sie meine Tochter los“, sagte er, „dann lasse ich Sie am Leben.“
Slank schluckte, antwortete aber nicht. Er hielt das Mädchen noch fester, konnte ihren flachen Atem spüren.
Kämpfende Krabbe blickte auf seine eigenen Männer. „Sie sehen, wie viele wir sind. Und wie wenige Sie. Das ist Ihre letzte Chance, am Leben zu bleiben. Und ich verspreche Ihnen, dass Ihr Tod – vor allem Ihrer – nicht angenehm sein wird.“
Slank schluckte wieder. Aber es war Ombra, der seine Stimme erhob. Sie kam aus der Finsternis seiner Kapuze wie ein kalter Hauch aus einer Höhle.
„Wir wollen Ihre Tochter nicht“, sagte Ombra.
Kämpfende Krabbe blickte auf Ombra. Sein sonst so gütiges Gesicht war vor Wut verzerrt.
„Was wollen Sie dann?“, fragte er.
„Vor nicht allzu langer Zeit“, sagte Ombra, „wurde eine Kiste an den Strand dieser Insel gespült. Sie war der Grund für einigen Ärger. Sie kennen die Kiste, von der ich spreche.“
Kämpfende Krabbe nickte.
„Wir sind gekommen, um die Kiste zu holen“, sagte Ombra. „Und ihren Inhalt. Wir wollen keinen Ärger, nur die Kiste. Sie gehört uns und wurde uns gestohlen. Sobald wir sie wiederhaben, segeln wir los. Und lassen Ihre Tochter unversehrt frei.“
Schweigen. Dann sagte Kämpfende Krabbe: „Wir haben die Kiste nicht.“
„Er lügt!“, schrie Slank. „Es war –“
„Ruhe!“, zischte Ombra mit einer Stimme, bei der es allen eiskalt über den Rücken lief.
Ombras verhüllte Gestalt wandte sich wieder an Kämpfende Krabbe. „Dann sagen Sie uns, wo sie ist!“
„Sie ist weg“, sagte Kämpfende Krabbe. „Sie wurde von der Insel gebracht.“
„Von wem?“
Kämpfende Krabbe zögerte. Er blickte auf seine Tochter und seufzte.
„Ein Engländer“, sagte er. „Sein Name ist Aster.“
Nerezza und Slank sahen sich an.
„Ich verstehe“, sagte Ombra. „Und wohin hat Aster die Kiste gebracht?“
„Das weiß ich nicht“, sagte Kämpfende Krabbe.
„Woher wissen wir, dass er die Wahrheit sagt?“, fragte Nerezza.
„Stimmt“, sagte Slank. „Der Wilde lügt vielleicht.“
„Der Wilde?“, fragte Kämpfende Krabbe und drehte sich zu Slank. „Ich halte kein Messer an den Hals eines Kindes.“
Während Kämpfende Krabbe sprach, glitt Ombra fast unmerklich vorwärts. Nur zwei Augenpaare sahen, was als Nächstes passierte. Das eine gehörte Slank, der das Schauspiel schon einmal beobachtet hatte und wusste, worauf zu achten war. Das andere gehörte dem fliegenden Jungen, der sich in den nahen Baumwipfeln verborgen hielt und von seinem Versteck aus alles hervorragend überblicken konnte.
Ombra näherte sich dem im flackernden Fackellicht zitternden Schatten von Kämpfende Krabbe. Als er ihn berührte, streckte sich der Schatten, schlängelte sich vorwärts und glitt unter Ombras dunklen Mantel. Kämpfende Krabbe stöhnte leise. Sein Blick erstarb. Die Schultern sackten zusammen. Der Kopf fiel zur Seite. Die Krieger schauten besorgt auf ihren Häuptling, aber sie blickten ihm dabei ins Gesicht und sahen deshalb nicht, was Slank und Peter sahen: Kämpfende Krabbe hatte keinen Schatten mehr.